Ist Eigenverantwortung noch gefragt?

Wie angeboten in Farbprospekten wandern sie durch blühende Landschaften, Junge wie Alte, am liebsten auf ausgetretenen schönen Pfaden, am Berghängen mit Blicken in das Land, vorbei an schroffen Felsszenerien.

Die Tour geht auf alten Feldwegen vorbei an Weilern und Dörfern, hier vielleicht auch begleitet vom Knurren und Gebell der Haushunde. Durch des „Waldes heil`gen Dunkel“ geht es mit dem Ränzlein, weiter durch der Heide blühend Scharlachkleid! So wollen sie es denn, die Wanderer, die keine Fußgängerbahnen suchen, sondern den abwechslungsreichen, schon etwas abenteuerlichen Weg durch „Mutter Grün“, über Stock und Stein, sie streifen ab den Frühtau beim Queren der Grasmatten und auf schmalen Steigen.

Man hat doch schon lange Kenntnis von den Wünschen der Wanderer, den „Naturgenießern“, und kann nicht überrascht sein, wenn sie asphaltierte, aber dafür stolperfreie Pisten nicht mögen. Die auch den Hang zur Geselligkeit nicht verachten, gern nebeneinander schreiten, doch auch im Alleinsein die Welt erfahren möchten. Erholung finden, das kann man nicht unter den Zwängen der uns umgebenden alltäglichen Umgebung, dem Alltag. Gerade deshalb entfernt man sich vom Streß der heutigen Hektik und taucht hinein in die ruhige Natur! Doch empfängt uns die Natur mit einem herzlichen Willkommen? Lauern nicht auch Gefahren, die wir als Stadtflüchter nicht mehr richtig einzuschätzen wissen? Ja, es gibt nicht das Paket, was rundum sorglos uns Sicherheiten garantiert.. Wer von den gestandenen Wanderinnen und Wanderern kennt sie nicht, die plötzlich auftauchenden Probleme rechts und links und auch auf dem Wege! Und auf diese Gefahren, deren Existenz wir oft ignorieren, macht kein Hochglanzprospekt aufmerksam. Plötzlich ist er da, der Windwurf, der uns am Weitergehen hindert: kreuz und quer liegen die Baumriesen mit ihrem Geäst; beim Hinwegklettern die Möglichkeit eines Nachrutschens der Stämme unterschätzend, folgt man weiter dem Wegverlauf. Unerwartet trifft uns der Wetterumschwung: Regen, Glatteis. Schattenlose Passagen bei sommerlicher Hitze, folgend vielleicht harte Gewitter. Die mobile Schutzhütte, das Auto, steht am Wanderparkplatz und eine andere, die richtige, ist nicht in erreichbarer Nähe. Windböen werfen Äste von den Bäumen, selbst diese bewegen sich bis in die Wurzelbereiche. Grasmatten werden zu Rutschpartien, Geröll auf Felsen wirken wie Kugellager! Das sind die Punkte, hier erheben sich Fragen, die oft nach Unfällen gestellt werden, wenn nach dem Hergang geforscht wird. Die Fragen nach der Haftung! Die Frage nach der Verkehrssicherungspflicht! Und hier ist wiederum der Punkt, wo die klare Aussage stehen muss: das Betreten von Wald und Flur geschieht auf eigene Gefahr!
Leider wurden in letzter Zeit in verschiedenen Bereichen Unsicherheiten eingetragen, die selbst Forstverwaltungen erreichten, welche aus eben diesen Gründen, wie Herabfallen von Altholz und Unebenheiten im Weg, Sperrungen von Wanderwegen veranlassten. Oder man machte es sich noch einfacher, indem man versuchte die Verkehrssicherungspflicht den Wandervereinen zu übertragen, und was teilweise auch tatsächlich geschah. Wobei hier schon bemerkt werden muß, dass „Dinge“ in deren Besitz oder Mietung man sich nicht befindet, logischerweise unter Haftungsausschluß sind, allein die Nutzung durch Betreten nicht zur Haftungsübernahme gegenüber Dritten verpflichtet.
Wie verhält es sich nun mit der Verkehrssicherungspflicht bei Bäumen im Wald, die zu Straßenbäumen erheblich gemindert ist. Es regelt der § 14 Abs. 1, Satz 3 des Bundeswaldgesetzes und nach § 28 Abs. 3, Satz 1 des Landeswaldgesetzes  (hier z. B. von Mecklenburg-Vorpommern) mit dem Hinweis auf das Betreten das Waldes auf eigene Gefahr. Dabei wird unterschieden zwischen typischen Gefahren im Wald  (Standunsicherheit von Bäumen, Wurzelwerk auf den Wegen, herabhängende und lose Äste), wo die Eigenverantwortung gefragt ist, und atypischen Gefahren, die dem Waldbesucher erfahrungsgemäß sicht sofort erkennbar sind. Hierzu gehören schwer erkennbare und nicht erwartete Hindernisse, Holzhau, lose Holzstapel, Brücken. Dies zu kontrollieren und ggf. auf diese Gefahren aufmerksam zu machen, obliegt den Forstverwaltungen, den Gundstückseignern. Hier kann also das Betreten eingeschränkt werden. Gleiches gilt sinngemäß auch auf Wegen im offenem Gelände. Der Sturz über Wurzeln und bei Unebenheiten des Weges ist also nicht einklagbar, ebenso ist ein herabfallender Ast als Unfallursache dem Forst nicht anzulasten. Die Unsicherheiten in dieser „zivilrechtlichen Problematik“, wobei eigentlich die Fakten klar erkennbar sind , führten wie oben angeführt zu versuchten Übertragungen der Verkehrssicherungspflicht bei markierten Wanderwegen auf die Wandervereine. Andererseits zeigen diese Irritationen auch auf, dass eine zunehmende Entfremdung von der Natur und des Verhaltens bei evt. Gefährdungen in Zusammenhang stehen. Hier ist es auch eine Aufgabe der Wandervereine wie bei der gewerblichen Unfallverhütung nach dem Motto zu verfahren „Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“ und wie bei den Aktionen der „Abfall-Mitnahme“ die Problematiken der natürlichen Beschwernisse aufzuzeigen. Das beginnt bereits bei den Hinweisen bei Wanderungen auf „vernünftiges Schuhwerk“. Auch das Reagieren bei Witterungsunbilden oder bei Begegnungen mit Wild will bedacht und geübt sein. Selbst der Tritt auf ein Erdnest von Wespen  bei einer Wanderung trägt nicht gerade zur Belustigung bei, sondern kann unerwartete Folgen haben. Die Übernahme von Eigenverantwortung, nicht nur durch den Wanderführer, sondern auch von jedem einzelnen Wanderer, ist ausschlaggebend bei der Verhaltensweise und Gefahrenabwehr. Am Sicherheitsnetz muss jeder mitwirken und damit zur gelungenen Wanderung beitragen.

Schl. / Mai 2004