Landschaften in der Zeit der Energiewende

Landschaften in der Zeit der Energiewende oder Windenergie und ihre Auswirkungen auf den Naturschutz

(das hier oft verwendete Kürzel WEA bedeutet Windenergieanlage) 

Der Ausstieg aus der Atomenergie und der damit verbundene Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland ist beschlossen und auch schon weit fortgeschritten.

Es geht an dieser Stelle nicht darum die dazu führenden Gründe weiter zu vertiefen oder zu erörtern. Obwohl auch hierzu die Meinungen dazu kontrovers sind.

Auch der Deutsche Wanderverband hat hierzu ein Positionspapier entwickelt, dass aber nach meinem Dafürhalten in seiner Unverbindlichkeit, die für die Landschaft entstehenden Probleme klein redet und die Errichtungen von Wind­energiegebieten selbst in Schutzgebieten nicht grundsätzlich ablehnt.

Anhand der Teilfortschreibung der Regional­pläne von weiteren Eignungsbieten im Bundes­land Schleswig- Holstein, die ich als Naturschutz­beauftragter des Wanderverbandes Nord­deutschland sehr intensiv studiert habe, möchte ich das Problem an konkreten Beispielen dar­legen.

Es geht mir also hier nicht darum ob grund­sätzlich weitere Flächen (es handelt sich um eine Verdoppelung) ausgewiesen werden sollen bzw. müssen, sondern darum wo diese ausgewiesen werden.

Im entscheidenden Gegensatz zum Positions­papierentwurf des Deutschen Wanderverbandes hat das Landesplanungsamt von Schleswig- Holstein nämlich daran festgehalten grundsätz­lich keine WEA in Schutzgebieten zuzulassen. Dieses ist für die Landschaft meines Erachtens ein Minimalkonsens und wenn dieser von der Landesregierung eingehalten wird, inklusive der noch dazu geforderten Abstandsregelungen zu Schutzgebieten, so bedarf es keines Positions­papieres welches noch hinter diesen Richtlinien zurückbleibt.

Wie ist nun das Landesplanungsamt bei der Festlegung der neuen Gebiete für WEA vorgegangen?

Zunächst einmal wurden nicht die Gebiete festgestellt in denen WEA errichtet werden könnten, sondern im Gegenteil die Gebiete abgesteckt, die für WEA tabu sein müssen. Dazu wurden sogenannte charakteristische Landschaftsräume abgesteckt in denen die Ausweisung von Eignungsgebieten für WEA unzulässig ist. Diese sind in ihrer Gesamtheit unter Einschluss von Randgebieten und Puffer­zonen als besonders prägende charakteristische Landschaftsräume anzusehen. Für uns naturverbundene Wanderer ist es logisch, dass gerade diese Gebiete für das Wandern eine besondere Wichtigkeit haben. In der Regel sind es zumeist Landschaftsschutz­gebiete und teilweise sogar FFH Gebiete. Es sei an dieser Stelle noch darauf hingewiesen, dass Naturschutzgebiete sowieso ausnahmslos gesetzmäßig als Ausschlussgebiete gelten.

Welches sind nun die charakteristischen Landschaftsräume in Schleswig- Holstein? 

Es sind dies im Wesentlichen:

  • Die Krückauniederung von Elmshorn und die Pinnauniederung von Quickborn über Pinneberg, beide bis zur Elbe, mit angrenzenden Marsch­pufferzonen.
  • Der Kisdorfer Wohld.
  • Der Landschaftsraum im Kreis Segeberg zwischen der A21 bzw. der A20 einschließlich des Natur­parks Holsteinische Schweiz im Norden begrenzt durch die Kreisstraße K52 zwischen der Anschlussstelle Trappenkamp und Tensfeld.
  • Der Landschaftsraum innerhalb der Linie Lentföhrden - Trasse der A20 - Brande - Hömer­kirchen - A23 - Barmstedt - B4 - Lentföhrden.
  • Der Landschaftsraum innerhalb der Linie Groß Niendorf - Itzstedt - Nahe - Nienwohld – Kreis­grenze Segeberg/ Stormarn - Groß Niendorf.
  • Der Landschaftsraum beiderseits der B404 zwischen BAB A1 und der Bille als Naturraum­grenze.
  • Übergang zwischen Geest und östliches Hügelland.
  • Die Talauen beiderseits der Trave (zwischen Bad Oldesloe und Bad Segeberg bis zur A21 und der
  • Oberalster mit Umgebungsbereichen.
  • Der Bereich zwischen der Linie Steinburg - Trittau und dem Elbe Lübeck Kanal zwischen Behlendorfer Schleuse und Hammer einschließ­lich Bille Niederung in diesem Teil.
  • Der Landschaftsraum des Oldenburger Grabens in Ostholstein.
  • Das Gebiet der nördlichen Seeniederung auf Fehmarn.
  • Das Tal der Schwartau in seinem Verlauf vom Naturpark Holsteinische Schweiz bis zur Lübecker Stadtgrenze.
  • Die Halbinsel Schwansen in den küstennahen Bereichen sowie die Nordspitze Schwansens (nördlich von Damp).
  • Der Küstenraum von Eckernförde über den Dänischen Wohld in einer Tiefe von ein bis drei Kilometer und die Probstei bis Hohwacht in einer Tiefe von circa drei bis vier Kilometer.
  • Der Landschaftsraum der Eider - Treene - Sorge Niederung.
  • Und der Nord-Ostsee-Kanal mit ca. 1.000 m Pufferzone beiderseits einschließlich des Eiderraums zwischen Rendsburg und der Kreisgrenze zu Nordfriesland.
  • Im Kreise Dithmarschen die gesamte Deichlinie zur Nordsee einschließlich eines 500 m breiten Streifens binnendeichs sowie der historische Mündungstrichter der Eider.
  • Im Kreis Steinburg eine Pufferzone von einem Kilometer Breite entlang der Elbe, ab Elbdeich binnenfuß gemessen.
  • Friedrichskoog-Spitze.
  • Der Vogelflugkorridor zwischen Neufelder Watt und der Kuddensee-Niederung mit Burger und Kudener Niederung.
  • Der Speicherkoog in Dithmarschen mit an­grenzenden Vogelflugkorridoren in die Niede­rungsgebiete.
  • Der Vogelflugkorridor entlang des Mündungs­trichters der Eider bis in den großen Niederungs­bereich Eider-Treene-Sorge-Niederung.
  • Die Eider-Treene-Sorge-Niederung, die sich östlich fast bis zum Nord-Ostsee-Kanal erstreckt.
  • Lundener Niederung mit Broklandtal, Ostroher und Welmbütteler Moor.
  • Miele Niederung.
  • Windbergener Niederung.
  • Gieselau Niederung mit Offenbütteler Moor und angrenzenden Bereichen.
  • Klev von Gudendorf bis Burg sowie die Lundener Nehrung.
  • Wesentliche Teile der naturräumlich besonders reich strukturierten Dithmarscher Geest.
  • Der entlang des Nord-Ostsee-Kanals gelegene Landschaftsraum Holstenau, Vaaler Moor mit Großem Moor und Bucholzer Moor.
  • Der durch Waldparzellen und ein dichtes Knicknetz geprägte Raum zwischen der Gemeinde Wacken und der BAB 23.
  • Die Störniederung vom Naturpark Aukrug bis Itzehoe und die eingedeichte Stör von Itzehoe bis zur Elbe mit angrenzenden Marschpufferzonen.
  • Die mit dem Kreis Pinneberg zusammenhängen­de nördliche Krückauniederung von Elmshorn bis zur Elbe mit angrenzenden Marschpufferzonen.
  • Der Landschaftsraum Breitenburger Moor.
  • Die gesamte Deichlinie der Nordsee einschließlich eines 500 m breiten Streifen binnendeichs als wesentliche Leitstruktur für den großräumigen internationalen Vogelzug.
  • Das Gebiet der Wiedingharde nördlich der Bahnlinie Niebüll - Westerland vom Rickelbüller Koog bis zur Bahnlinie Niebüll - Süderlügum – Tonder.
  • Der Landschaftsraum Hauke-Haien-Koog/ Langenhorner und Stötewerker Koog/ Niederung der Soholmer Au.
  • Die Hattstedter Marsch mit anschließender Arlau Niederung.
  • Die Südermarsch mit südlich und östlich angrenzender Eider-Treene-Sorge-Niederung.
  • Die Halbinsel Eiderstedt (beinhaltet das 67 km² große Vogelschutzgebiet).
  • Der Küstenraum nördlich der Bundesstraße 199 bis zur Staatsgrenze in der Flensburger Innen- und Außenförde sowie der Küstenraum entlang der Orte Steinbergkirche bis Kappeln.
  • Der nördliche Förderaum der Schlei in einer Tiefe von 3-4 km.
  • Der südliche Förderaum der Schlei entlang der Kreisgrenze bei Kappeln und südlich Schleswigs bis zur BAB 7 (im wesentlichen der Naturpark Schlei).
  • Der Landschaftsraum der Eider-Treene-Sorge-Niederung.
  • Der Landschaftsraum in Fortsetzung der Soholmer Au.
  • Der Landschaftsraum entlang der Treene sowie entlang der Bollingstedter Au.
  • Der Landschaftsraum entlang den eiszeitlichen Abflußtälern von Meynau , Walsbek.
  • Der Landschaftsraum entlang des Tunneltals Rabenkirche - Langsee - Arenholzer See.

 

Als charakteristische Landschaftsräume zählen u.a. die Hauptverbundachsen und Schwerpunktbereiche des Biotopverbund­systems. Trotz dieser einvernehmlichen Festlegungen haben Gemeinden versucht im Rahmen der Stellungnahmen diese aufzu­weichen und gefordert auch dort WEA zuzu­lassen. Dieses ist aber vom Landesplanungsamt abgelehnt worden.

Ein weiteres unrühmliches Beispiel gaben die Gemeinden Moorege und Uetersen, die sehr hartnäckig versuchten im Landschaftsschutz­gebiet Pinneberger Elbmarsch eine Erweiterung der bisher ausgewiesenen Fläche für WEA durchzusetzen, obwohl gerade dies die Land­schaftsschutzverordnung mit gutem Grund aus­schließt.

Dies steht auch im grundsätzlichen Widerspruch zum Entwurf des Positionspapieres des Deutschen Wanderverbandes, in dem der Schutz von LSG hinsichtlich von Windenergieanlagen aufzuweichen sei. Obwohl es dort erst heißt: „vor allem der Wanderer kann nachvollziehen, dass das gesetzliche Gebot der Erhaltung land­schaftlicher Schönheit gleichrangig neben den Zielen des Arten- und Biotopschutzes steht. Der naturverbundene Wanderer sieht die ge­wachsene, vertraute Kulturlandschaft als Lebensgrundlage und als wesentlich für ein sinnerfülltes Leben. Landschaften sind für den Wanderer kulturelles Erbe, Grundlage unserer Identität, bekannte Vielfalt - eben Heimat.“

Bei der Tagung der Naturschutzbeauftragten auf dem Wandertag in Bad Belzig wurde darauf hin­gewiesen, dass sich auch die Kulturlandschaften stets verändern. Dies ist zwar grundsätzlich richtig, jedoch sind zwei Aspekte zu beachten.

Gerade mit Landschaftsschutzverordnungen soll der Erhalt der Kulturlandschaft geschützt, ja sogar gefördert werden. Windkraftanlagen jedoch haben mit einer Kulturlandschaft nichts mehr zu tun, man spricht von der technischen Überformung der Landschaft um nicht zu sagen von einer Industrielandschaft von teilweise erdrückender (und bedrückender) Wirkung.

Genau diese wird auch vom Landesplanungsamt in Schleswig-Holstein so gesehen und überhaupt nicht bezweifelt. In der Regel schließen Land­schaftsschutzgebietsverordnungen explizit WKA aus. Somit befindet sich auch logischerweise keine neue Fläche von WEA in Landschafts­schutzgebieten, von einer kleinen Ausnahme im Kreis Stormarn abgesehen, bei der ein Wind­energiegebiet geringfügig in ein LSG hineinragt. Dies liegt bei Travenbrück.

Es sei erwähnt, dass entgegen vorherrschender Meinung auch der BUND und NABU bei ihren Stellungnahmen äußerst kritisch waren und zahlreiche, allerdings durchweg artenschutz­rechtliche Bedenken hervorbrachten.

Die Beeinträchtigung der Landschaft geht natürlich weit über die eigentlichen Wind­energiegebiete hinaus. So wird das westlich von Bargteheide liegende neue Windenergiegebiet optisch die nahgelegenen NSG Duvenstedter Brook und Hansdorfer Brook beeinträchtigen. Dies wurde auch vom NABU sehr verurteilt. 

Ferner  wurden Kompensationsflächen ausge­spart, die als Ausgleichsmaßnahmen für die A20 festgelegt worden waren. Die Planung von Wind­kraftanlagen sind unvereinbar mit den auch artenschutzrechtlich bedingten Kompensations­zielen.

Oft wurde argumentiert, dass eine Gegend bereits durch Biogasanlagen und  mit Schweine­mastbetrieben zersetzt sei, dass man auch noch ein paar Windenergiegebiete dazu setzen könne. Auch dies wurde von der Landesregierung anders gesehen, da WKA eine andere Raumwirkung ent­falten als eine Biogasanlage oder ein Schweine­mastbetrieb. 

Auch die für uns Wanderer geschaffenen und für die Naherholung so wichtigen Naturparke wurden durch das Landesplanungsamt im Wesentlichen ausgespart. So wurden im Natur­park Lauenburgische Seen keine WEA ausge­wiesen. Hierzu meint die Landesregierung, dass es in der landesweiten Betrachtung darauf ankommt Schwerpunkte für WEA zu setzen und gleichzeitig große Freiräume zu erhalten. Zu diesen Freiräumen gehören die Naturparke insbesondere. Leider wurde ein Windpark im Naturpark Aukrug (allerdings nicht im LSG) nordwestlich von Poyenberg festgesetzt. Auch dieses Gebiet wurde vom BUND Kreis Steinburg sowie dem NABU ausdrücklich abgelehnt!

Auch im Naturpark Holsteinische Schweiz werden in mehr abgelegenen Zonen (kein LSG) östlich von Hützfeld Windenergiegebiete ausgewiesen.

Es war Haltung der Landesregierung, zur Reali­sierung des Ziels der planerischen Ausweisung von Eignungsgebieten in Höhe von 1,5 % der Landesfläche bei entsprechend ausreichenden Potential auf Flächen in Gemeinden zu ver­zichten, die sich gegen jegliche Eignungsgebiets­ausweisung ausgesprochen haben. Ein aus­reichendes Potential geeigneter Flächen war landesweit vorhanden um das Ausbauziel zu erreichen.

Grundsätzlich meine ich, dass es richtig ist, die Standorte für Windkraftanlagen zugunsten der Freihaltung größerer Bereiche zu konzentrieren.

Hinzuweisen ist auch dass Freileitungen eine andere Wirkung in der Landschaft als die deutlich höheren und dazu noch rotierenden WKA haben. Insofern sieht die Landesplanung keinen Widerspruch darin, innerhalb von „charakteristischen Landschaften“ Freileitungen aber keinesfalls WKA zuzulassen.

Die Landesplanung hält ferner daran fest, dass die Westküste und die untere Elbe bereits intensiv durch Windkraft genutzte Bereiche sind, in denen größere Freihaltezonen eine umso größere Bedeutung zukommt. Sie gewinnen zunehmend Bedeutung als Naherholungsräume und Zonen eines optisch beruhigten Landschafts­bildes in einer schon in großen Teilen und mit erheblicher Fernwirkung technisch überformten Landschaft.

Zuletzt noch ein Hinweis für die Wanderer im Großraum Hamburg. Lediglich der bereits erwähnte Windpark westlich von Bargteheide berührt unmittelbar (dafür sehr erheblich) die näheren Hamburger Erholungsgebiete. Auch der Kreis Pinneberg bekommt durch seine bereits starke Siedlungsdichte keine weiteren Flächen zugeteilt.

Im Großraum Lübeck sind als Weltkulturerbe der UNESCO wichtige Sichtachsen auf die alte

Hansemetropole freizuhalten, damit die Kirchtürme nicht von viel höheren Windrädern erdrückt werden.

Abschließend ist zu sagen, dass die Energie­wende, auch wenn sie, wie in Schleswig-Holstein in einigermaßen ausgewogenen und in plan­mäßigen Bahnen verläuft, einen ungeheuren Schub von Landschaftsdezimierung bewirken wird. Es werden in Schleswig-Holstein allein 132 km² zusätzliche Flächen „verbraucht“. Dies sind also die Opfer, die wir für die Energiewende zu bringen haben.

Bruno Rhades

Verbandsnaturschutzwart